Einheitsgesichter
Eisenach ©Reto Klar

20-20-40: Zum Gedenken des Mauerfalls vor 20 Jahren sind derzeit
„SPIEGELUNGEN“ unterhalb des Hauses der Geschichte in Bonn zu sehen –
eindringliche Portraits von Bewohnern aus 40 Orten Deutschlands mit aber
„nur“ 20 Namen. Beispiele: 16928 Heidelberg in Brandenburg und 69117
Heidelberg/Baden-Württemberg oder 35096 Weimar in Thüringen
und 99423 Weimar/Hessen.

Was ist heute, im Jahr 20 nach dem Mauerfall noch Ost, was West? Dieser
zeitgeschichtlichen Frage gingen Dieter und Reto Klar zwei Jahre lang nach
und fotografierten Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster
Berufe. Vater Dieter (Jahrgang 1937) und Sohn Reto (Jahrgang 1967) faßten
dabei den originellen Plan, in gleichnamigen Orten der alten und neuen
Bundesländern nach Gemeinsamkeiten und Trennendem zu forschen.

Dabei brachten die in Buxtehude beheimateten Berufsfotografen ihre
Linhof-Großformatkamera zum Einsatz in Bergen auf der Insel Rügen oder
Bergen im bayerischen Chiemgau. Aber auch  in Eisenach in der Eifel
(etwa 400 Einwohner) oder in Eisenach/Thüringen. Die Klars lassen dem
Zufall wenig Chancen. Gründliche Recherchen vor Ort sowie eine klare
Bildsprache und exakte Kompositionen zählen ebenso zu ihrer Arbeitsweise
wie eine ergänzende Dokumentation mit Lebenserinnerungen der
Portraitierten (Katalogpreis € 19,90).

Ein Höhepunkt der Reise war die Begegnung mit Sarah Klier, dem letzten
in der DDR geborenen Kind. Es kam am 02. Oktober 1990 um 23.48 Uhr
zur Welt, zwei Minuten später war die Deutsche Demokratische Republik
Geschichte. Klar setzten die 20jährige im sächsischen Borsdorf auf einen
riesigen Baumstumpf, wo sich Sarah mit einem Luftballon präsentiert,
auf dem zu lesen ist „Ich liebe es“.

Eine berührende Begegnung gab es mit Ottomar Rothmann, der sich als
Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald in einer Zelle
fotografieren ließ. „Ich hatte eine andere Vorstellung von der Einheit“,
gestand er den Klars. „Ich hatte die Hoffnung, daß die guten Seiten aus
beiden, aus Bundesrepubik und DDR, zusammen wirken können.“ Trotz
erlebter Greuel blieb der ehemalige politische Gefangene in Weimar und
leitete mehr als zehn Jahre lang die Gedenkstätte Buchenwald als
Stellvertretender Museumsdirektor.

Einheitsgesichter
Weimar ©Reto Klar

In Eisenach begegneten Vater und Sohn Martin Luther, einen Nachfahren
des weltberühmten Reformators. Und Günther Sievers, Unternehmer aus
39343 Emden, gab den beiden folgendes mit auf den Weg. „Viele Ostdeutsche
erinnern sich an das Gute von früher und vergessen das Schlechte.“

Museumsleiter Wolfgang Guthardt aus der VW-Stadt gesteht. „Für Wolfsburg
ist die Einheit ein großes Geschenk. Früher lag die Stadt am Ende der westlichen
Welt. Heute liegt sie mitten im Land.“

Lehrreich war die fotografische Exkursion nicht zuletzt auch für die Urheber
der Spiegelungen: „Unsere Klischeevorstellungen haben sich fast alle aufgelöst.“

Leider werden die Bilder an unvorteilhafter Stätte gezeigt: Noch bis Mai 2010 in
der zugigen Bonner U-Bahn-Galerie, Willy-Brandt-Allee 14, in schlechtem Licht
und mit Lautsprechergedudel. Doch dieser Ausstellung gebührt entsprechend
ihrem Anlaß und dem Qualitätsniveau der Aufnahmen eine würdige Umgebung –
ab damit eine Etage höher und rein ins Haus der Geschichte.

Ein herzliches Dankeschön geht an die Urheber, die
ihre Fotos für diesen Blog zur Verfügung stellten.

- Hartmut S. Bühler -

Das ganze Buch auf einheitsgesichter.de

Einheitsgesichter
Rothenburg © Reto Klar